[ Sven ]     [ Linux ]     [ GAOS e.V. ]     [ Heim ]

9½ Wochen

Subject: Neuneinhalb Wochen
From: bubble@aix550.informatik.uni-leipzig.de (Sven Türpe)
Newsgroups: de.alt.arnooo,de.rec.mampf


  Neun Wochen und eine halbe schon lag es auf der Mikrowelle und
schimmelte nicht. Es war nicht das erste Toastbrot, das auf der
Mikrowelle landete, angebrochen, zur Haelfte verbraucht, scheib-
chenweise dem Ende seiner Tage nähergebracht und doch noch nicht
ganz verschwunden, noch nicht aufgegessen. Es wird auch nicht das
letzte sein.
  Da lag es also und schimmelte nicht. Unerhört! Brot, das weiß
man, schimmelt, wird es nur lange genug sich selbst überlassen.
Sanft und weiß zunächst, im Aussehen an Mehlstaub erinnernd,
doch am Geschmack erkennbar. Später dick und grün und ekelhaft,
so daß man es kaum mehr mit spitzen Fingern anfassen mag, um es
auf seinen letzten Weg zu führen.
  Doch dieses hier verweigerte sich. Es sagte nichts. Versuchte
nicht, sein Verhalten zu rechtfertigen. Das wäre ihm auch kaum
gelungen, denn eigentlich verhielt es sich nicht. Es tat über-
haupt nichts, bis auf dies eine: es schimmelte nicht.
  Bisher war mir noch jedes Brot verschimmelt, hatte ich mich
erst einmal entschlossen, es nicht sofort vollständig zu ver-
speisen. Dieses hier wollte nicht.
  Oder konnte es nicht? Gottes Wege sind unergründlich und die
eines Toastbrotes gleichermaßen; beider Geist entzieht sich dem
menschlichen Versteh'n. Bisher war jedes Brot verschimmelt, doch
niemals hatte ich gefragt: Warum?
  Nie hatte mich ein Zweifel geplagt, eine Frage gequält, ein
Krümel gepiekt, nie hatte mich mein Brot überhaupt interessiert,
nie hatte es meine Aufmerksamkeit geweckt, nie meine Sinne an-
geregt oder meine Gedanken beflügelt, wenn ich nicht gerade dabei
war, es zu verspeisen.
  Und dieses Toastbrot lag auf der Mikrowelle und schimmelte
nicht.
  Essen mochte ich es nicht mehr. Wer ißt schon ein Toastbrot,
das dem Alter nach längst besten Humus abgegeben sollte? Doch
einfach wegwerfen konnte ich es auch nicht. Es war schließlich
das erste Brot, das wochenlang auf meiner Mikrowelle gelegen
hatte und nicht verschimmelt war! Zudem klangen mir Mutters
Ermahnungen im Ohr - Vertreibung, Nachkriegszeit, falsche Seite
der Mauer, wer hat das nicht schon mal gehört?
  Meinem halben Brot war das egal. Es lag auf meiner Mikrowelle,
eingepackt in Plastikfolie, und schimmelte nicht.
  War es Täter oder Opfer? Benahm es sich daneben, weil es den
rechten Weg der anderen nicht gehen wollte? Tanzte es aus der
Reihe, weil's einfach seinem Naturell entsprach? Schrieb es
seinem Tun, oder vielmehr Nichttun, einen Sinn zu, oder war es
nur dabei, die Grenzen seiner kleinen Welt auszuloten?
  War es gar nur durch Fremde in seine Rolle gezwungen worden?
Hatte man es mit Drogen vollgepumpt, es mit Konservierungsstof-
fen getränkt? Aber nein, ich hatte ja schon die Hälfte gegessen,
und mir ging es gut.
  Je länger ich nachdachte, desto unruhiger wurde ich. Von mei-
nem Zustand unbeeindruckt, lag das Brot auf der Mikrowelle und
schimmelte nicht.
  Ich konnte nicht länger zusehen. Irgend etwas mußte passieren.
Aber es einfach wegwerfen? Es grausamen Männern in orangefarbenen
Anzügen überlassen? Ja, es mußte sein. Doch etwas war ich meinem
Brot noch schuldig.
  Die ganze Welt sollte von diesem Toastbrot erfahren. Nie soll-
ten es die Menschen je wieder vergessen.
  Ich bitte Sie um Hilfe. Wenn Sie diesen Text erhalten, schicken
Sie bitte binnen 96 Stunden 10 Kopien an Freunde und Bekannte. Es
wird Ihnen vielleicht Glück bringen. Vielleicht auch nicht, aber
dann bleibt Ihnen wenigstens das gute Gefühl, mit wenig Aufwand
viel für ein halbes Toastbrot getan zu haben.
  Werfen Sie diesen Text bitte nicht einfach weg. Wer weiß, viel-
leicht wird eines Tages auch auf Ihrer Mikrowelle ein Brot liegen;
eine Woche, zwei, vier, und sie werden wehmütig an diesen Text
zurückdenken, den Sie damals einfach gelöscht haben.
  Mein Toastbrot liegt jetzt im Mülleimer und schimmelt immer
noch nicht.

Sven Türpe, September 2000. Web site sponsored by iT-Netservice GmbH.